aus "Fränkischer Tag" vom 17.01.2004

Sachverständige sorgt für Sicherheit in Sachen Hunde

Tierärztin Anja Gold aus Rattelsdorf seit Dezember beeidigt und offiziell im Einsatz – Jüngste in Bayern

 



rattelsdorf. „Diese Hunde waren nicht gemeldet und hatten natürlich auch keinen Wesenstest absolviert“, erbost sich Anja Gold über den jüngsten katastrophalen Vorfall, den Angriff zweier aggressiver Rottweiler auf Passanten im Unterfränkischen. Die 30-Jährige kennt sich in diesem Metier hervorragend aus. Die Rattelsdorferin ist eine der drei beeidigten Hunde-Sachverständigen in Oberfranken und seit Ende Dezember in dieser Funktion aktiv, also letztendlich präventiv tätig.

von Anette Schreiber

 

Bekanntlich wurden mit dem Jahr 2002 auch Rottweiler in die Liste der Kampfhunde mit aufgenommen. Das bedeutet für deren Besitzer eine in den meisten Gemeinden drastisch erhöhte Hundesteuer. Im Schnitt bewegt sich diese etwa bei 600 Euro. Dazu kommen die für Kampfhunde geltenden diversen Auflagen.

Von diesen wie auch der Einstufung in die Kampfhundekategorie kann nur der bestandener Wesenstest befreien. Wenn diesen ein amtlich beeidigter Sachverständiger, wie etwa Anja Gold abgenommen hat, braucht die Gemeinde keine weiteren Stellen (wie die Veterinärabteilung des Landratsamtes) zwecks Verifizierung hinzuziehen.

Damit trägt der Sachverständige eine große Verantwortung, schließlich entscheidet seine Beurteilung darüber, ob und wie sich der jeweilige Hund in der Bevölkerung bewegen darf.

„Der Titel ist allein drei Zeilen lang“, erklärt die Tierärztin mit einem Blick, der um Nachsicht ersucht. Im Klartext ist sie nun „Öffentlich bestellte und beeidigte Sachverständige der Regierung Oberfranken für das Fachgebiet Hundewesen, Verhalten von Hunden im Hinblick auf Aggressivität und Gefährlichkeit gegenüber Menschen und Tieren“.

Anja Gold ist die jüngste Sachverständige in Bayern. „Man muss mindestens 30 Jahre alt sein“, erklärt sie. Diese Voraussetzung hat sie mit dem Geburtstag am 26. Dezember letzten Jahres erfüllt. Die anderen waren ungleich schwieriger und langwieriger.

Nachdem sie die Anregung durch die Bayerische Tierärztekammer erhalten hatte, besuchte sie fleißig die vorausgesetzten Fachseminare und stellte sich schließlich der zweistündigen Prüfung mit Theorie- und Praxisteil, den eine sechsköpfige Kommission an der Regierung abnahm. Sie bestand mit einstimmigem Votum.

Viel Erfahrung

Erfahrung auf dem Gebiet, auf dem sie nun auch als bei Gericht anerkannte Sachverständige tätig sein kann, hat sie freilich schon weitaus länger gesammelt. Eigentlich seit sie 15 war. Denn da hatte sie einen äußerst schwierigen Hund. Mit den Hintergründen hierfür setzte sie sich gründlichst auseinander. Theoretisch über die Literatur und praktisch in Erlangen auf dem Hundeplatz. Daraus erwuchs auch ihre Ausbildertätigkeit und Kompetenz. Beruflich stand für sie gar „seit der Grundschule fest“, dass sie Tierärztin werden wollte. Das setzte sie beim Studium in Gießen um. Jetzt sitzt sie an der Doktorarbeit, die sich dem Thema „Private Hundeschulen in Deutschland“ widmet. Auch hier kann sie aus den Erfahrungen der Praxis, also in der Schule ihrer Mutter Helga, schöpfen.

Anja Gold ist auch ihrem neuesten Betätigungsfeld (neben Doktorarbeit, Vertretung in Tierarztpraxen und Hundeausbildung) fest verwurzelt. Sie hat seit dem Jahr 2002 bereits 58 Wesenstests durchgeführt. Die betreffen Hund und Halter gleichermaßen. Denn neben dem Interieur des jeweiligen Hundes tragen auch dessen Lebensumstände möglicherweise zu einer gesteigerten Aggressivität und damit Gefährdung der Bevölkerung bei. „Wenn ein Hund zum Beispiel Hochleistungsfutter erhält und nichts tut, oder er kaum aus seinem Zwinger gelassen wird, oder aber der Besitzer ihn nicht kontrollieren kann“, erklärt sie verschiedene Aspekte. Deswegen verliert der Wesenstest bei Besitzerwechsel seine Gültigkeit.

Da das Testergebnis von weit reichender Bedeutung ist, dauert er entsprechend lange. Weit über zweieinhalb Stunden. Die Sachverständige prüft hier allgemein empfohlene Teile ebenso ab wie selbst entwickelte. Einer ihrer Vorteile gegenüber anderen Sachverständigen (meist Polizei- oder Diensthundeführer) ist ihr beruflicher Hintergrund. Denn bei der Voruntersuchung erlauben es ihre Qualifikationen festzustellen, ob das Tier aufgrund irgendwelcher Schmerzen eine erhöhte Aggressivität aufweist. „Aggressionsverhalten gehört zum normalen Verhaltensrepertoire eines Hundes“, verdeutlicht sie und führt hierzu weiter aus, dass die Gefährlichkeit eines Hundes sowohl von seinen Eigenschaften (Größe, Kraft, Verhalten gegenüber bestimmten Umweltreizen) als auch vom Zusammenspiel Mensch-Hund abhängt. Sie weiß, ein Hund mit nicht übersteigerter Aggressionsbereitschaft, der nicht unter Kontrolle seines Halters steht, kann für die Umwelt gefährlicher sein, als einer, der zwar eine leicht erhöhte Aggressionsbereitschaft aufweist, aber ausreichend kontrolliert werden kann.

Hundeführerschein

Aus diesen Gründen hält sie, wie in Nordrhein-Westfalen üblich, eine Art Hundeführerschein (Sachkundenachweis) für Halter aller Hundearten und Rassen für sinnvoll.

Bei den bislang 58 Wesenstests, die sie durchgeführt hat, fiel ein Tier durch. Verständlicherweise, nachdem er sie, wie auch ihren „Testhund“ Dusty gebissen hatte. Der zehnjährige blonde Labrador-Rüde , der sie natürlich ebenfalls im regulären Leben begleitet, muss in den Tests den Prüfungsteil mit den tierischen Begegnungen bestreiten. Ansonsten werden alle möglichen Situationen des Alltags gecheckt. Damit möglichst solche Vorfälle wie der eingangs zitierte vermieden werden.